Stellungnahme des BUND Bad Waldsee zum Bauvorhaben „ Am Zettelbach“ in Gaisbeuren Bad Waldsee

Die Stadt Bad Waldsee beabsichtigt im Rahmen der Baumaßnahme „ Am Zettelbach“ das Bachbett des Zettelbachs im Bauabschnitt teilweise zu verlegen und ein Teilstück von insgesamt 64 Metern zu verdolen (davon 19 m zusätzlich) um die Straße verbreitern zu können.

Im Zettelbach wurde auf einer Strecke von 2160 Metern ein größeres Vorkommen von zwischen 10 000 und 20 000 Individuen der vom Aussterben stark bedrohten Kleinen Flussmuschel ( Unio crassus) festgestellt. Diese Art ist in Baden Württemberg sehr selten und deshalb streng geschützt ( BNatSchG § 42 Abs. 1). Sie ist eine FFH-Art, Anhang 2 und 4.

Es sind, laut Aussage des Sachverständigen, Herrn Diplombiologe Josef Grom aus Altheim, nur etwa 20 populationsstarke Vorkommen im Regierungsbezirk bekannt. Das Vorkommen im Zettelbach zeichnet sich dadurch aus, dass der überwiegende Bestand (69 %) aus sehr jungen Tieren besteht. Dies ist sehr positiv, bedeutet aber auch, dass der Bestand sehr empfindlich auf Veränderungen und Beeinträchtigungen reagieren wird, da jüngere Muscheln weniger tolerant gegenüber Verschmutzung und Eintrübung des Lebensraumes sind.

Der Hauptbestand der Population der Kleinen Flussmuschel befindet sich westlich der B 30 unterhalb des Gewässerabschnittes, der baulich verändert werden soll. Im Bauabschnitt selber wurden, laut Herrn Grom, nur etwa 0,4 % des Gesamtbestandes , also sehr wenige Tiere, gefunden .

Der Bachabschnitt im Planungsgebiet ist außerdem auch vom Steinkrebs (Austropotamobius torrentium) besiedelt, einer besonders geschützten Art (§ 1 Satz 1 BArtSchV, 16.02.2005). Er ist ein prioritärer Lebensraumtyp. Er zeigt auf, dass das Gewässer von hoher Qualität ist.

 

Problematisch ist: Es muss unter allen Umständen vermieden werden muss, dass während der Baumaßnahmen über einen längeren Zeitraum und damit sind mehr als ein oder zwei Tage gemeint, Schwebstoff in den Bach gelangen, da sonst die Population unterhalb der Baustelle stark gefährdet ist und abstirbt.

 

Besonders streng ist darauf zu achten, dass keinerlei Einleitungen von Fremdstoffen wie zum Beispiel Öl, Betonschlemme, Schmutzwasser aus dem Bauvorhaben, Flüssigkeiten von Baufahrzeugen , Teer, u.s.w. in das Gewässer erfolgen dürfen . Diese würden die gesamte Population zerstören.

 

Die Verlegung und Neuanlage des Bachbettes im Baugebiet ist , für sich betrachtet, eine positive Maßnahme, die auf die Dauer die Qualität des Lebensraum im Zettelbach an dieser Stelle erhöhen könnte. Für die Kleine Flussmuschel könnte diese Baumaßnahme aber bei unsachgemäßem Vorgehen das Aus für die ganze Population bedeuten.

Die geplante zusätzliche verdolte Strecke (weitere 19 Meter) wird allerdings dazu führen, dass dieses kleinere Vorkommen östlich der B 30 noch weiter isoliert werden wird und vielleicht erlischt.

 

Bei Populationen der Kleinen Flussmuschel muss beachtet werden, dass diese im Glochidienlarvenstadium parasitär mit der Elritze, der Rotfeder, dem Stichling, der Mühlkoppe, dem Kaulbarsch oder dem Döbel lebt. Die Larven der Muschel müssen sich zeitweise in den Kiemen dieser Fischarten festsetzen, um sich dann zur Muschel entwickeln zu können. Bei einem Eingriff in den Lebensraum der Muschelart muss also darauf geachtet werden, dass sowohl für die Muscheln als auch für den Zwischenwirt, im Falle des Zettelbachs nach Aussage des Sachverständigen, Hern Grom, hauptsächlich die Elritze, die richtigen Bedingungen herrschen.

 

In Anbetracht dieser Fakten kann die Baumaßnahme nur dann genehmigt werden, wenn dem Bauherren folgende Auflagen gemacht werden :

 

1.Über die gesamten Bauzeit am Bach ist die Maßnahme von einem qualifizierten Gewässerökologen zu begleiten, der jeden Schritt der Baumaßnahme überprüft. Wir schlagen Herrn Grom vor, der auf diesem Gebiet der Fachmann ist und auch die bisherigen Untersuchungen durchgeführt hat.

 

2. Die Verlegung des Bachbetts und der neu zu verlegenden Dolen muss in Trockenbauweise erfolgen und nahezu vollständig abgeschlossen sein, bevor in das bestehende Gewässer eingegriffen und dieses angeschlossen wird.

Die Eintrübung des Gewässers durch Schwebstoffe beim Anschluss darf nur über einen oder zwei Tage erfolgen.

Das von Herrn Grom in seinem Gutachten unter V 2 vorgeschlagene Lamellenverfahren zur natürlichen Substratablagerung in der Verdolung muss dabei schon im Vorfeld mit erstellt werden.

 

3. Noch im Bauabschnitt vorhandene Muscheln sind vor der Baumaßnahme abzusammeln und im Bereich der Hauptpopulation abzusetzen. Das gilt auch für den gleichfalls im Gewässer vorkommenden Steinkrebs.

 

4. Während der gesamten Bauzeit (Bachverlegung und Neugestaltung, Straßenerweiterung und Bebauung der Grundstücke) darf baubedingt keinerlei Fremdstoff und Verschmutzung in den Bach eingeleitet werden.

Die Bauausführenden sind von dieser Problematik schriftlich mit eingeforderter Unterschrift in Kenntnis zu setzen. Der gesamte Vorgang muss streng von der Bauaufsicht überwacht werden.

 

5. Nach Abschluss der Maßnahme muss das Geschehen im Bach in regelmäßigen Abständen durch einen Gewässerökologen über mehrere Jahre weiter beobachtet und untersucht werden.

Fünf Jahre nach Abschluss der Baumaßnahmen ist ein „Monitoring“ abzuhalten, bei dem der Zustand des Gewässers erfasst und kartiert wird. Im Bedarfsfall ist eine Nachbesserung zu leisten . Im Falle eines Verlustes des Bestandes ist eine geeignete Ausgleichsmaßnahme zu leisten.

 

6. Wir halten die von Herrn Grom in seinem Gutachten vorgeschlagene mehrjährige Einsetzung von mit Muschellarven „geimpften“ Elritzen für einen wichtigen Teil der Maßnahme im neu angelegten Bachbett um eine Wiederansiedlung der Muschelpopulation in diesem Bereich, der jetzt durch die Verlängerung der Dole noch mehr von der Hauptpopulation isoliert wird, zu ermöglichen und zu garantieren.

 

7. Auch der Steinkrebs muss in den neu angelegten Bachbereich eingebracht werden.

 

8. Die Fortpflanzungszeit der Bachmuschel dauert von April bis Juni.

Die Paarungszeit der Steinkrebse dauert von Oktober bis November.

Die Schlüpf- und Jungkrebszeit der Steinkrebse dauert von Mai bis August.

Baumaßnahmen im Gewässer können deshalb nur in den Monaten August und September und in den Wintermonaten Dezember bis März durchgeführt werden.

 

9. Auf keinen Fall darf der Zettelbach in der Bauphase trocken fallen

 

10. Die Gewässerrandstreifen dürfen nach Fertigstellung des neuen Bachabschnitts nicht gedüngt werden.

 

11. Im Bereich des „ Rebmannstadels“ ist eine Straßenkurve geplant. Die Straße rückt im Kurvenscheitel zu nahe an den Zettelbach heran. Hier müssten mindestens 5 Meter Abstand zum Gewässerrand eingehalten werden.

 

 

Sollte der Bauherr nicht in der Lage sein, die Vorgaben einzuhalten, ist das Vorhaben abzulehnen, da bei unsachgemäßem Vorgehen mit einem Totalverlust der streng geschützten Population gerechnet werden müsste.

 

Für die BUND-Ortsgruppe Bad Waldsee

 

 

 

Roland Umbrecht

3.Mai 2011

 

 



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